Komma Kirsche beten!

Dass die deutsche Sprache immer häufiger durch regelwidrige Veränderungen ihrer Schönheit beraubt wird, habe ich hier schon unzählige Male aufgezeigt. Allerdings ging es dabei zumeist um das geschriebene Wort, vor allem auch deshalb, weil ich dazu die entsprechenden Beweise in Form von Bildern mitliefern konnte. Aber eigentlich ist es die gesprochene Sprache, die unter der täglichen Vergewaltigung durch Sprachveränderer leidet.

Schakeline, komma bei die Omma

Dieser Kunstsatz ist inzwischen (inklusive einiger Varianten) zum geflügelten Wort verkommen. Wahrscheinlich gibt es niemanden, der diesen Satz jemals so gesagt hat. Und doch komprimiert er die Aushöhlung der deutschen Sprache auf knappe fünf Worte. Noch besser sogar: nicht nur die sprachlichen Nöte werden überraschend simpel offenbart, auch die sozialen Entwicklungen, die Hand in Hand mit der Entwicklung unserer Sprache einhergehen, werden aufgezeigt. So perfekt kann eigentlich nur Kunst sein. Oder doch nur das wahre Leben?

Lass uns LIDL gehen.

Dieses Beispiel ist leider der Wirklichkeit entnommen. Das Weglassen der Präposition umschifft eine schwere Klippe, die die jugendliche Sprecherin wahrscheinlich zielgenau zum Kentern gebracht hätte. Gehen wir zum LIDL, in den LIDL, nach LIDL oder gar bei LIDL? Vorsichtshalber läßt man diese nur selten benötigte Angabe weg und hält den Satz ansonsten relativ simpel. Dadurch kommt die zu übermittelnde Nachricht trotz der sprachlichen Mängel beim Empfänger an, was ja die Hauptsache ist. Schafft man es als Sender der verbalen Botschaft wirklich, seine Sätze nicht nur kurz zu halten, sondern auch alle Angaben zu umgehen, deren Weglassen zur Doppel- oder Fehldeutigkeit führt, erfüllt man zumindest beim geneigten Empfänger alle Ansprüche an einen geregelten Informationsfluss. Das Ergebnis bleibt natürlich grausam, wenn man als (unfreiwilliger) Zuhörer um die Schönheit und die Stärken der deutschen Sprache weiß.

Wolln wa Kirsche beten gehn?

Diesen herrlichen Satz habe ich genauso in Dortmund aufgeschnappt. Wenn „ch“ und „sch“ zu einem Laut verschmelzen, beginnt der sinnentstellende Teil des sprachlichen Wandels. Wenn es nicht so traurig wäre, müßte man der Sprecherin und ihrer Freundin eigentlich ein Kompliment machen. Sie haben die Sprache derart verkürzt und verändert, dass ein Dritter allein mit diesem Satz nur bedingt etwas anfangen kann, sie selber aber zumindest aus dem Kontext genau wissen, welchen Vorschlag die Sprecherin ihrer Freundin unterbreiten wollte. Das könnte man sehr wohlwollend als Verschlüsselung bezeichnen, aber das würde den Beteiligten wohl kaum gerecht. Übrigens wurde das freundliche Ansinnen der Sprecherin mit einem gemeinsamen Lachen quittiert, was in diesem Fall einer Ablehnung gleichkam.

Eigentlich müßte man mit einem stets eingeschalteten Aufnahmegerät durchs Leben gehen, um die sprachlichen Fehlleistungen zu dokumentieren. Dabei stünde aber Aufwand zu Nutzen in keiner vernünftigen Relation, so dass ich mich zukünftig weiterhin auf die schriftlichen Fehlgriffe beschränken werde. Außerdem reicht es, das Elend in einer Form für die Nachwelt aufzubewahren.

In diesem Sinne: „Schantal, mach dat Mäh ma Ei!“