Nüchtern betrachtet

So langsam klingt der Wahnsinn der vergangenen Wochen ja langsam ab und vielleicht kann man den Selbstmord des Robert Enke mal etwas nüchterner betrachten.

Da bringt sich ein 32-jähriger Mann durch einen Sprung vor einen heranrasenden Zug um. De facto bringen sich in Deutschland jährlich über 9000 Menschen um, d.h. täglich scheiden ungefähr 25 Menschen freiwillig aus dem Leben. Davon werfen sich ein bis zwei Menschen vor einen Zug. Die Altersgruppe, der Herr Enke und ich angehören, neigt zwar statistisch weniger zum Suizid, aber auch Männer zwischen 30 und 35 bringen sich jährlich in merklichen Zahlen um. Kurzum: faktisch war die Tat nichts besonderes, so bitter das klingen mag.

Jetzt muss man auch festhalten, dass Herr Enke zwar ein guter Sportler war, aber auch nicht viel mehr. Er war kein Weltklassespieler, dazu fehlten in seiner Vita entscheidende Erfolge und herausragende Positionen. Das mag hart klingen, aber eine Handvoll Länderspiele und eine Stammposition bei Hannover 96 machen unterm Strich nicht viel her. Sein Talent ist unbestritten, es wurde aber leider nicht in besonderen Erfolg umgemünzt. Wie eingangs geschrieben: nüchtern betrachtet.

Zehntausende Menschen haben in den vergangenen Tagen von Robert Enke Abschied genommen, sämtliche Prominenz aus Deutschland und der Welt hat ihr Mitgefühl zum Ausdruck gebracht. Jeder Sportler und jeder Politiker wußte plötzlich etwas zum traurigen Schicksal des Kickers zu sagen. ARD und ZDF haben mit diversen Sondersendungen und Liveübertragungen auf den Selbstmord reagiert, BILD kannte tagelang nur noch ein Thema. Wer den nachfolgenden Bundesligaspieltag bzw. das Spiel der Nationalmannschaft gesehen hat, mußte sich zwangsläufig fragen, welcher große Fußballheld da von uns gegangen ist. Die mediale Präsenz der Hinterbliebenen und des Falls liessen das tragische Schicksal zweitrangig werden. Bei all dem darf man ja mal ganz berechtigt fragen: wenn um einen 32-jährigen eher durchschnittlichen Kicker ein solches Aufhebens gemacht wird, was passiert denn erst, wenn jemand von wahrer Bedeutung plötzlich stirbt?

Die einzige Hoffnung, die man haben könnte, ist die Chance auf einen veränderten Umgang mit der auslösenden Krankheit. Depressionen werden gesellschaftlich nicht als Krankheit, sondern als Schwäche wahrgenommen, was es den Betroffenen schwer macht, ihre Krankheit zu offenbaren und sich in Behandlung zu begeben. Inwieweit der Fall Enke, der als Fußballprofi (zu Recht) in einer außergewöhnlichen Drucksituation war, sich auf die große Masse der Kranken übertragbar ist, kann ich nicht abschätzen. Aber ich bin mir sicher, dass die vielen warmen Worte von Theo Zwanziger und Konsorten vielleicht gut gemeint sind, schlußendlich aber zu keinerlei echten Konsequenzen führen werden. Was soll denn auch geschehen? Der Profifußball in seinem alltäglichen Wahnsinn läßt sich wohl kaum vom Selbstmord des Herrn Enke verändern. Zwar wurde er kurz ausgebremst, aber spätestens in zwei Wochen ist alles wieder so, wie es vor dieser Tat war. Schließlich ist mit dem Wettskandal schon das nächste Thema da.

Und in der breiten Masse? Machen wir uns nichts vor: irgendwie war es die negative Umkehrung der WM 2006. Ein schönes Massengefühl, gemeinsam mit der hübsch inszenierten Witwe zu trauern, aber mehr auch nicht. Es ging doch letztlich nur um ein emotionsgeladenes Großereignis, nach dessem Ende nur noch verklärte Erinnerungen bleiben, aber nichts wirklich dauerhaftes, schon gar nicht für die Situation der an Depression erkrankten Menschen.

Aber vielleicht ist das ganze ja auch nur zu nüchtern und zu realistisch betrachtet..