Die K-Frage

Momentan schwappt die Diskussionswelle durch die Foren und Talksendungen, ob Fußballbundestrainer Löw den Sportsfreund Kuranyi "begnadigen" sollte, um ihn mit zur Weltmeisterschaft zu nehmen. Natürlich hat sich Franz Beckenbauer dazu geäußert, aber auch jeder andere C-Promi des Fußballs weiß was dazu zu sagen. Warum sollte ich in diesem Konzert nicht auch mitsingen?

Sportlich ist die Frage nach einem möglichen WM-Einsatz des Schalker Stürmers unzweideutig zu beantworten. Erfolgreiche Angreifer mit deutschem Pass gibt es momentan nicht viele. Hinter Kuranyi finden sich in der aktuellen Torjägerliste der Bundesliga nur Stefan Kießling von Bayer Leverkusen und Mario Gomez von Bayern München. Möchte man die ersten Abstriche machen, darf man auch den Sportsfreund Cacau von Stuttgart in diese Liste aufnehmen, wohlwissend, dass dieser nur dank einer temporären Formexplosion auf seine inzwischen acht Saisontore gekommen ist. Danach wird die Luft dünn. Die von Herrn Löw in den letzten Jahren so gern und häufig eingesetzten Spieler Klose und Podolski sind ganz weit von der Form vergangener Tage entfernt, was besonders bei Podolski inzwischen eher die Regel ist.

So bliebe aus rein sportlicher Sicht eigentlich nichts anderes übrig, als den konstantesten Torjäger mit deutschem Pass zur Weltmeisterschaft mitzunehmen. Gründe, die dereinst Martin Max und Mehmet Scholl von der WM fernhielten, gibt es nicht. Kuranyi ist 28 Jahre alt, so dass er auch zukünftig für die Nationalmannschaft zur Verfügung stünde. Seine Form ist seit Jahren konstant. Seit der Saison 2002/03 hat er in jeder Saison eine zweistellige Zahl von Toren erzielt. Diese Statistik kann kein anderer deutscher Stürmer vorweisen. Auch seine Torquote in der Nationalmannschaft kann sich mit 19 Treffern in 52 Einsätzen sehen lassen.

Doch im Gegensatz zu harten Entscheidungen der Vergangenheit hat der Fall des Kevin Kuranyi eine nicht-sportliche Ebene. Am 11. Oktober 2008 verließ der auf der Tribüne sitzende Kuranyi während des Spiels der Nationalmannschaft eigenmächtig das Stadion und fuhr ohne besonderen Grund heim. Dieses Verhalten war höchst unprofessionell und auch höchst unkollegial. Die Reaktion des Trainers kam schnell und hart: er verkündete, dass Kuranyi unter seiner Führung nicht mehr zur Nationalmannschaft eingeladen würde. Und daran hat er sich bis jetzt gehalten.

Und wenn Jogi Löw halbwegs schlau ist, wird er sich weiter an sein Wort halten. Er kann es sich gar nicht erlauben, eine aus disziplinarischen Gründen verhangene Strafe aufzuheben, denn seine allgemeine Position ist momentan viel zu schwach, als dass er in dieser Frage einknicken dürfte. Das Hick-Hack um seine Vertragsverlängerung hat Löw einiges an Ansehen gekostet, sein auslaufender Vertrag schwächt seine Position in der Öffentlichkeit und gegenüber der Mannschaft weiter. Das Bild des "lame duck" könnte sich verhärten, würde er in der K-Frage einknicken. Deshalb kann Löw gar nicht anders, als wider besseren Wissens auf Kuranyi zu verzichten, will er sich nicht noch weiter schwächen. Vielleicht bereut Löw es inzwischen, im Oktober 2008 so schnell und hart reagiert zu haben, rückgangig kann er seine Entscheidung aber ohne Gesichtsverlust nicht machen. Und diesen Makel kann er sich in seiner unsicheren Position nicht erlauben.

Deshalb glaube ich nicht, dass wir Kevin Kuranyi bei der Weltmeisterschaft als Spieler erleben werden. Jogi Löw MUSS auf seinem Standpunkt beharren, will er in seinem angezählten Zustand seine Position beim DFB und vor der Mannschaft verteidigen. Das ist sicherlich schade, da es aus sportlicher Sicht eigentlich keine Alternative zum Kuranyi-Einsatz gibt, aber leider gibt es keine vernünftige Lösung für die K-Frage.